text5Essen und Trinken spielen eine Hauptrolle in ihrem Leben, infolgedessen auch in ihren Gesprächen.

Sie werden an Bord wahrlich nicht verwöhnt, zumal nicht auf kleinen Segelschiffen, wo der Kapitän die Länge der Reisezeit nicht voraussehen kann und schon deshalb zu einer vorsichtigen Rationierung des Proviants gezwungen ist, andererseits aber auch aus persönlicher Gewinnsucht großes Interesse an Sparsamkeit hat.

Windstille in tropischen Gewässern läßt die Schiffe wochenlang, ja monatelang treiben Das Salzfleisch verdirbt. Der Hundekuchen - Hartbrot oder Schiffszwieback - verrottet, Maden kommen hinein, und die Katze hat sich daraufgesetzt. Denn eine Katze oder einen Hund, oder einen Papagei oder einen Ameisenbär, irgendein Tier halt sich jedes Schiff.
Auf Dampfern, die Stückgut geladen hatten, bohrten wir wohl, wenn der Hunger uns allzusehr plagte, gelegentlich heimlich eine Kiste an und noch eine und immer noch eine, wenn wir in all diesen Kisten zu unserer Enttäuschung nur Seife fanden.

Schlimmer noch, wenn das Wasser knapp wurde. Wenn pro Tag pro Mann nur noch eine Tasse voll »zum Waschen und Trinken« verausgabt wurde, denn bekanntlich ist Meerwasser zu beidem nicht zu gebrauchen. Aber das Waschen gab man dann leicht auf. Bis endlich ein Regen einsetzte, den wir mit flach gespannten Segeln auffingen.

Das gesammelte Wasser begann in der Tropenhitze freilich sich bald zu beleben und zu stinken. Aber man trank und wusch sich und seine Wäsche. Oft hat das häßliche und gefährliche Krankheiten zur Folge. In Liverpool besuchte ich einen großen eben eingetroffenen Segler. Dort an Bord waren nach einer weiten Reise nur noch drei arbeitsfähige Leute, alle anderen an Skorbut erkrankt oder gestorben.
In der Beziehung sind unsere modernen Schiffe heute hygienischer ausgerüstet, und sind auch die entsprechenden Gesetze verbessert.

Ein Freund von mir, ein gelehrter Vogelkenner, haßt die Seeleute, und zwar nur, weil er gelesen hat, daß portugiesische Matrosen im siebzehnten Jahrhundert auf der Insel Mauritius die Riesentaube Dronte ausgerottet, nämlich restlos aufgefressen haben. Aber doch nur aus Hunger, lieber Freund. Wer kann von Fingernägeln und Salzwasser leben!
Ich muß an den Eskimo Nanuk denken. Dessen rauhes Tagewerk von einer Filmgesellschaft an Ort und Stelle aufgenommen wurde. Man erzählt sich, daß die Filmoperateure nach der Aufnahme diesen Nanuk nach New York mitnahmen und daß er sich in wenigen Tagen zu Tode gefressen hätte. An den herrlichen Speisen, um die man dort nicht kämpfen, noch stundenlang wandern, lauern oder frieren muß. Die tragische Geschichte mag wahr sein.



[Ringelnatz: Matrosen. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk, S. 2771 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 5, S. 138)]