text10Wenn Marinesoldaten geschlossen marschieren, gelingt es nur selten, einen Marschgesang aufzubringen. Sie genieren sich voreinander und vor Fremden. Niemand will anfangen. Sie witzeln sich dumm drum herum. Wenn sie aber wirklich ein Lied anstimmen, dann kennen sie nur den ersten Verstext, und so verebbt ihr Marschgesang rasch.
Sie können aber auch nicht marschieren. Von dem Gang auf dem schaukelnden Deck sind sie entartet. Ihre Schritte schwanken noch an Land, auch bei völliger Nüchternheit. Bei den Marinern findet man auffallend viel krumme Beine.
Das offiziell eingeführte Deutsche Flaggenlied »Stolz weht die Flagge Schwarz Weiß Rot« wird wohl von Schulen oder Wandervögeln gern angestimmt, von Matrosen aber nur auf Befehl gesungen. Höchstens bringen es die Marinekapellen im Binnenland als beliebten Schlager.
Unbewußt bevorzugen Seeleute Lieder, die die Monotonie einer ruhigen Seefahrt oder den Rhythmus eines durch die Wellen streichenden Schiffes tragen. Zwischen Auf und Nieder, zwischen Hin und Her, also jumpend und rollend macht ein Schiff eigenartige, mannigfaltig kombinierte Bewegungen. In dem Schmalzlied »Stürmisch die Nacht und die See geht hoch« ist dieser Rhythmus ausgezeichnet getroffen.


Wir pflegten aber auch andere und ganz unseemännische Gesänge. Schornsteinfegerlieder, Soldatenlieder, Müllerlieder, Bergmannslieder. Wir sangen das unanständige, mitreißende Pfannenflickerlied, außer-
dem viele rührselige Lieder, in denen stets das Mütterlein vorkam.
Wir sangen auf einsamer Wache, mit schnellen Schritten an Deck auf- und abgehend, oder an schönen Abenden gemeinsam auf der Back zu einer Ziehharmonika oder zu einem Banjo. Literarische Lieder sangen wir nie. Außerdem sind noch die Shanties zu erwähnen, die von den Seeleuten zur Arbeit gesungen oder mehr geschrien werden. Beim Ziehen an Tauen, beim Drehen der Winden und Pumpen. Von den Trimmern beim Schaufeln, von den Kochsmaaten beim Schaumschlagen.
Auf der Florida, wo ich unter fünfundzwanzig Mann Besatzung (unter denen einundzwanzig Nationen vertreten waren) der einzige Deutsche war, sang ich oft einen etwas schlüpfrigen Gassenhauer vor mich hin, der damals gerade populär war.

Hans und die Ella
Saßen im Keller
Auf einer Bank ... usw.

Dieses Lied zündete und wurde bald von allen Leuten an Bord gesungen. Alle hatten sich nach ihrer Sprache einen eigenen Text dazu erfunden, den wiederum ich nicht verstand. Die Melodie hatte ein so vergnügtes, lebhaftes Tempo und wirkte unwiderstehlich ansteckend. Der Araber säuselte das Lied mit seiner hohen Kastratenstimme. Der mürrische Kapitän Nacari brummte es heiser vor sich hin. Seine Tochter, eine süße, blondhaarige Zehnjährige, trällerte es in der Hängematte auf der Brücke, und der lange italienische Koch jubelte es laut zum Takte zweier Hackemesser, mit denen er Zwiebeln zerkleinerte.



[Ringelnatz: Matrosen. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk, S. 2765 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 5, S. 134)]