1883

Hans Bötticher wird am 7. August in Wurzen bei Leipzig als jüngstes von drei Geschwistern geboren. Sein Vater, stammt aus einer angesehenen thüringischen Gelehrtenfamilie, ist Musterzeichner und führt ein erfolgreiches Atelier. Außerdem verfaßt er als Unterhaltungsschriftsteller humorige Texte besonders für Kinder und Jugendliche. Die Mutter Rosa Marie, geb. Engelhart, Tochter eines Sägewerksbesitzers, zeichnet ebenfalls, entwirft u.a Muster für Perlstickereien und stellt Puppenbekleidung her.


1886/1887
Umzug der Familie nach Leipzig.

1892
Hans Bötticher verfaßt für seinen Vater den Text "Landpartie der Tiere".

1901

Abschluß der wenig erfolgreichen Schulzeit mit dem Einjährigen-Freiwilligen-Examen; auf dem Abgangszeugnis des zweimaligen Sitzenbleibers notiert sein Lehrer, Hans Bötticher sei "ein Schulrüpel ersten Ranges" gewesen. Geht zur See: Von April bis September des Jahres als Schiffsjunge auf dem Segelschiff "Elli". Ende des Jahres verdingt er sich in "Malferteiners Schlangenbude" auf dem Hamburger "Dom" (einer von ca. 35 Nebenberufen, die er seit seiner Seemannszeit ausübte). "Ostermärchen" mit Illustrationen von P. Krieger und zwei Geschichten "Vom Alten Fritz" erscheinen in "Auerbach's Deutschem Kinderkalender."


1902
Als Leichtmatrose auf mehreren Schiffen unterwegs auf den Weltmeeren; längerer Aufenthalt in Hull (GB).

1903

Kaufmännische Lehre bei einer Speditionsfirma in Hamburg. Fährt wieder zur See, darf dann den Beruf des Matrosen nicht weiter ausüben, da ihm die nötige Sehschärfe fehlt. Absolviert noch die Qualifikationsfahrt für den Militärdienst bei der Marine.


1904
Einjährig-Freiwilliger bei der Kaiserlichen Marine in Kiel. Ausbildung auf dem Kreuzer "Nymphe" und dem Artillerie-Schulschiff "Carola" bis zum Bootsmaat.

1905

Fortsetzung der kaufmännischen Lehre bei der Dachpappenfirma "Ruberoid G.m.b.H." in Hamburg. Malt die ersten bekannten Ölbilder: "Kriegsschiff" und "Dachpanorama". Das Gedicht "Untergang der Jeanette" mit Illustrationen von Fritz Koch erscheint in "Auerbach's Deutschen Kinderkalender".


1907
Commis (Handlungsgehilfe) in Leipzig.

1908

Commis in Frankfurt am Main. Reist erneut nach Hull, nachdem er als fahrender Sänger und Gelegenheitsarbeiter das Geld dafür verdient hat. Versucht sich als Buchhalter im Reisebüro Bierschenk in München. Publiziert Gedichte, Witze, Anekdoten sowie das Märchen "Der ehrliche Seemann" in der satirischen Wochenschrift "Grobian".


1909

Erste Auftritte bei Kathi Kobus in der Schwabinger Künstlerkneipe "Simplicissimus" ("Simpl") und Ernennung zum "Hausdichter". Gehört zum Freundeskreis um Carl Georg von Maassen, Erich Mühsam, Frank Wedekind u.a. Eröffnet das "Tabakhaus Zum Hausdichter", das schnell in der Pleite endet. Veröffentlichung des autobiographischen Essays "Viellieber Freund" und verschiedener Gedichte in der satirischen Zeitschrift "Simplicissimus" u.a. mit den Pseudonymen Pinko Meyer und Fritz Dörry.


1910

"Kleine Wesen" mit Illustrationen von Fritz Petersen (München: J. F. Schreiber), "Was Topf und Pfann' erzählen kann" mit Texten von Ferdinand Kahn und Bildern von Franziska Schenkel (Fürth in Bayern: G. Löwensohn), sowie der Band "Gedichte" (München, Leipzig: Hans Sachs-Verlag), die er seinem Vater widmet, erscheinen. Die Novelle "Die wilde Miß vom Ohio" wird in der Zeitschrift "Die Jugend" veröffentlicht.


1911

Reisen nach Tirol und nach Riga. Verbringt den Sommer auf dem kurländischen Gut Halswigshof, das den Schwiegereltern seines Freundes Thilo von Seebach gehört. "Was ein Schiffsjungentagebuch erzählt" (München: Die Lese) erscheint.

1912
Februar bis Dezember Bibliothekar beim Grafen Yorck von Wartenburg auf dem Schloß Klein-Oels: ordnet vor allem den Nachlaß Wilhelm Diltheys. Die Gedichtsammlung "Schnupftabaksdose" mit Illustrationen von J. M. Seewald (München: R. Piper) erscheint.

1913
Von Januar bis März Bibliothekar beim Kammerherrn Börries Frhr. von Münchhausen, dann als Fremdenführer auf Burg Lauenstein. Es folgt ein Kurs zum Schaufensterdekorateur in München. Verlobung mit Alma Baumgarten, von ihm "Maulwurf" genannt, die auf Druck ihrer Eltern wieder gelöst wird. Der Novellenband "Ein jeder lebt's" (München: Albert Langen) erscheint.

1914
Publikation von Kindergedichten und einem Märchen in den "Jugendblättern."

1914-1918
Geht gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig zur Kriegsmarine. Zu seiner Enttäuschung keine Einsätze an der Front. Zunächst Dienst auf Sperrschiffen, dann bei der Fliegenden Hilfsminensuch-Division und der Vorpostenflottille. Ist in Wilhelmshaven, Cuxhaven, Kiel, Warnemünde, an der Memel und in Litauen stationiert. Steigt unter großen Anstrengungen zum Offizier auf; ab 1917 Leutnant zur See und Kommandant eines Minensuchbootes. Kommandiert schließlich eine Flugabwehrbatterie in Seeheim bei Cuxhaven. Seine Novellensammlung "Die Woge" kann wegen der Zensur nicht erscheinen. Publiziert Kriegsnovellen in verschiedenen Zeitschriften.

1918
Beendet "Der Flieger. Drama in drei Akten". Vorsichtige Sympathien mit der Novemberrevolution, die er aber rasch in Anarchie enden sieht.

1919
Geht zunächst nach Berlin; dann Besuch der Obst- und Gartenbauschule in Freyburg an der Unstrut. Beendet "Die Bolschewisten. Kein ernstes Stück in vier Akten" und "Fäkalie. Tragödie in drei Akten" (beide verschollen). Benutzt von nun an das Pseudonym Joachim Ringelnatz.

1920
Ab Januar wieder in Berlin; als Archivangestellter im Scherlverlag. Ostern Verlobung mit Leonharda Pieper, die er "Muschelkalk" nennt. Aus Not ab Mai Anstellung als Prüfer der Postüberwachungsstelle in München; Auftritte im "Simpl". Hochzeit mit Leonharda Pieper an seinem 36. Geburtstag; gemeinsame Wohnung in München. September/Oktober erfolgreiche Auftritte an der Berliner Kleinkunstbühne "Schall und Rauch". Beginn seines Lebens als reisender Vortragskünstler, das ihn mehrere Monate im Jahr auf Bühnen von Aachen bis Zürich bringt. Er wird schnell bekannt; seine produktivsten und erfolgreichsten Jahre beginnen. Filmprojekte: "Die Leiche auf Urlaub", "Eichelsolo und Rückgeburt" und "Vom Seemann Kuttel Daddeldu". Die Gedichtsammlungen "Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid" (Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer) und "Turngedichte" (Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer) erscheinen.

1921
Die Gedichtsammlung "Die gebatikte Schusterpastete" (Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer) und das Ausschneidebuch "Der lehrreiche, erstaunliche und gespassige Zirkus Schnipsel! Entdeckt von Joachim Ringelnatz" (Berlin: Industrieverlag Baruch & Cie.) erscheinen. Erzählung "Mannimmond, eine einaktige Groteske" und "Bühnenstar und Mondhumor. Einaktige Groteske". Weitere Filmprojekte werden zu seiner Enttäuschung nicht realisiert.

1922
Etabliert sich in Berlin in Kabarett- und Theaterkreisen; Freundschaften zu Künstlern und Galeristen wie Renée Sintenis, Karl Hofer, Otto Dix, Alfred Flechtheim und der Familie Nierendorf. Er widmet sich intensiver der Malerei, besonders der in Aquarell- und Deckfarben. Die Gedichtsammlung "Taschenkrümel" (Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer), die (zuvor von der Zensur verbotene) Novellensammlung "Die Woge" (München: Albert Langen) und "Weitab in Lappland" mit einem Bildnis Ringelnatzens von Linde-Walter (Zwölfter Erasmusdruck: Privatdruck Berlin) werden publiziert. "Janmaate. Topplastige Lieder. Geschmückt mit Radierungen von Max Pretzfelder und einer Lithographie von Rudolf Großmann" und "Fahrensleute. Geschmückt mit Kaltnadelradierungen von Otto Schoff" im Verlag der Galerie Flechtheim werden als bibliophile Prachtdrucke in kleinen Auflagen gedruckt. Sechzehn Schallplattenaufnahmen für "Polyphon".

1923
Erste eigene und erfolgreiche Auktion seiner Gemälde in der Galerie Flechtheim, Berlin, geleitet von Carl Einstein. Weitere Ausstellungen und Auktionen im In- und Ausland folgen. "Vorstadt-Bordell" mit acht Lithographien von Eugen Hamm (Leipzig: Menes-Verlag) erscheint.

1924
Der Roman "...liner Roma...." (Hamburg: Johannes Asmus) mit zehn beigefügten Reproduktionen von Aquarellen und Federzeichnungen von Ringelnatz, die Novellensammlung "Nervosipopel" (München: Gunther Langes) und das "Geheime Kinder-Spiel-Buch" (Potsdam: Gustav Kiepenheuer) erscheinen. 1925 Im Januar dreiwöchiger Aufenthalt in Paris. Er ist begeistert von der Stadt und lernt unter anderem den Maler Jules Pascin kennen.

1927
Spricht zum ersten Mal im Berliner Rundfunk. Tritt der Künstlervereinigung "Das Junge Rheinland" bei. "Doktors engagieren. Operette in drei Akten" und "Reisebriefe eines Artisten" (Berlin: Ernst Rowohlt) erscheinen.

1928
Umfassende Ausstellung seiner Bilder bei Heinrich Barchfeld in Leipzig. Die Gedichtsammlung "Allerdings" (Berlin: Ernst Rowohlt), die Erzählung "Matrosen. Erinnerungen, ein Skizzenbuch: handelt von Wasser und blauem Tuch" (Berlin: Internationale Bibliothek) und der autobiographische Roman "Als Mariner im Krieg" (unter dem Pseudonym Gustav Hester; Berlin: Ernst Rowohlt). Das Operettenprojekt "Mut, Gesang und Gaunerei. Singspiel in zwei Akten" scheitert, wohl vor allem, weil Ernst Weill Ringelnatz' Bitte, den Text zu vertonen, nicht erfüllt (der Hauptbestand des Singspiels ist verschollen).

1929
Seine Situation verschlechtert sich, strapaziöse Reisen, wenig Einnahmen. Tritt im Oktober der Berliner Künstlervereinigung "November-Gruppe" bei. Die Gedichtsammlung "Flugzeuggedanken" (Berlin: Ernst Rowohlt) erscheint. Mietet eine Wohnung in Berlin am Sachsenplatz (heute Brixplatz).

1930
Endgültiger Umzug mit Muschelkalk nach Berlin. Vorfilm "Seemann kommt aus Pariser Kino" zu "Sous les Toits de Paris" wird zu einem Mißerfolg. Schauspielerdebüt im Stummfilm "Am Rande der Großstadt".

1931
Im März und Juni Rundfunksendungen. Der autobiographische Roman "Mein Leben bis zum Kriege" (Berlin: Ernst Rowohlt) und das "Geheime Kinder-Verwirr-Buch" (Berlin: Ernst Rowohlt) erscheinen.

1932
Ringelnatz gastiert zum letzten Mal im "Simpl". Im Januar Uraufführung "Die Flasche. Eine Seemannsballade" im Leipziger Schauspielhaus (Bühnenmanuskript: Berlin: Drei Masken-Verlag). Erzählung "Die Flasche und mit ihr auf Reisen" (Berlin: Rowohlt) beschreibt die Tournee durch Deutschland und die Schweiz. Bühnenstück: "Briefe aus dem Himmel. Kammerspiel in drei Akten"; "Gedichte dreier Jahre" (Berlin: Ernst Rowohlt).

1933
Die Nationalsozialisten erteilen Ringelnatz Auftrittsverbot in Dresden, Hamburg und München; einige seiner Bücher enden auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen. Das Ehepaar verarmt nun sehr rasch, da Bühnenauftritte die wichtigste Haupteinnahmequelle waren. Nach Schwierigkeiten, einen Paß zu erhalten, kann Ringelnatz noch Gastspiele in der Schweiz absolvieren; erste Symptome der Tuberkulose. Seine 50. Geburtstagsfeier wird im Kaiserhof in Berlin von u.a. Asta Nielsen, Renée Sintenis, Paul Wegener, Ernst Rowohlt und Johannes Graf Kalckreuth ausgerichtet. Trotz der nationalsozialistischen Zensurmaßnahmen erscheint die Auswahlausgabe "103 Gedichte" (Berlin: Rowohlt).

1934
Erneute Gastspiele in Basel und Zürich. Seine Krankheit bricht endgültig aus; Aufenthalt in der Heilstätte Beetz-Sommerfeld. Freunde helfen dem fast völlig mittellosen Dichter durch öffentliche Aufrufe und private Spendenaktionen; Wohltätigkeitskonzerte werden geplant. "Gedichte, Gedichte von einstmals und heute" (Berlin: Ernst Rowohlt). Beginnt einen letzten Roman zu schreiben, der Fragment bleibt und postum in "Der Nachlaß von Joachim Ringelnatz" (Berlin: Ernst Rowohlt 1935) veröffentlicht wird. Am 17. November Tod in seiner Wohnung am Sachsenplatz; Beisetzung auf dem Berliner Waldfriedhof an der Heerstraße.