Nicht seekrank. - Zufällig bin ich niemals seekrank gewesen. Ich habe über die Seekranken gelacht und mich an dem oft rohen Schabernack beteiligt, den Matrosen mit ihren sich solcherweise ganz ergebenden, lebensmüden Kameraden treiben. Ich kann auch heute noch darüber lächeln. Nicht schadenfroh. Die Seekrankheit endet spätestens an Land, und niemand stirbt daran. Manchmal tut den Menschen ein kleiner Dämpfer wohl.

Krank sein als Seemann. Die Segelschiffe, auf denen ich zur See fuhr, hatten keinen Arzt an Bord. Höchstens eine Apotheke. Die bestand aus einem Kasten, den der Kapitän wichtig versteckte. Der Kasten enthielt Mullbinden und Rizinusöl. Außerdem kleine Flaschen mit Flüssigkeiten. Was davon ein wenig nach Alkohol roch oder sonst wie leckerig anmutete, trank ich heimlich aus; als Leichtmatrose auf dem russischen Schoner »Emma«. Ein lettischer Matrose überraschte mich dabei. Dem schenkte ich als Schmiergeld das Rizinusöl. Damit schmierte er dann wiederum seine Seestiefel.

Was hatten wir denn für Krankheiten? Die rauhe Arbeit in Salzluft unter freiem Himmel macht zähe und widerstandsfähig. Ein Schnupfen lief sich aus. Ein Husten bellte sich aus. Und das perlmutterfarbene Auge nach einer Schlägerei heilte die Zeit. Wir litten unter Wanzen, man rieb sich mit Petroleum ein. Auch gegen Halsschmerzen wandten wir Petroleum an, das wir mit Zucker tranken.

Zahnschmerzen - ja, pfui Teufel! Man griff zu grotesken Instrumenten. Jedermann nach seiner Art, sein eigener Doktor Eisenbart. War mir etwas ins Auge geflogen, so holte Sitty Smile, der Araber, es mit dem Schüreisen heraus. Sehr geschickt. Ich kann nicht sagen, warum gerade mit dem Schüreisen. Vielleicht konnten seine schwieligen Hände das besser packen. Gefährlicher waren die Operationen mit unseren Taschenmessern. Zum Beispiel: wenn einer eine Schweinsbeule - ein Karbunkel - bekam. Die Wunden wuschen wir mit grüner Seife aus.
Möglicherweise hatten wir manchmal Krankheiten, ohne es zu wissen. Krankheiten, die wir gar nicht kannten. Als Deserteur in Westindien ließ ich mich einmal nackt von der Tropensonne braten und sprang dann ins Wasser und legte mich wieder in die Sonne. Das trieb ich so abwechselnd einen ganzen faulen Tag lang. Und dann wunderte ich mich, daß ich die folgenden fünf Tage so ganz energielos und freudlos war. Mag es nicht sein, daß ich ein böses Fieber hatte?

Auf weiten Segelschiffreisen drohen mannigfaltige Gefahren. Das Trinkwasser ging aus oder in Fäulnis über. Das Pökelfleisch verdarb in der Hitze. Ich weiß von schrecklichen Skorbutepidemien. Die Kauffahrtei brachte uns nach berüchtigten verseuchten Häfen. Auch durch gewisse Schiffsladungen wurden Krankheiten eingeschleppt oder verursacht. Schiffsladungen bargen noch andere Gefahren, Gas, Brand usw. In dem splitterigen Farbholz, das wir in Honduras luden, wimmelte es von Skorpionen und Giftschlangen. Auch eine Tarantel fand ich.

Die Quarantäne holte viele Leute von Bord als pestverdächtig, geschlechtskrank oder sonstwie gemeingefährlich.

Ich bin auch auf Dampfern gefahren. Die führten meist einen Sanitätsgast an Bord, größere Dampfer schon einen Arzt. Man war da auch gewöhnlich nicht so lange unterwegs. Wenn ein Heizer vom Fieber befallen wurde, dann machte er nicht viel Wesens daraus. Wir anderen hätten ihn ausgelacht.

In dunkler Nacht ging ich über das Eisendeck. Jemand hatte vergessen, den Deckel über ein Lüftungsloch zu stülpen. Auf einmal - zack! - verschluckte mich das Loch. Ich stürzte in die Tiefe des Laderaumes. Ein eiserner Balken fing mich laut auf. Als ich nach unbestimmbarer Zeit wieder zu Bewußtsein kam, kroch ich ganz still in meine Koje, erzählte den anderen nichts von meinem Malheur. Sie hätten mich als dummen Tölpel verspottet. Zweimal ist mir dieser Fall ganz ähnlich passiert. Ob ich dann hinterher Schmerzen empfunden habe, weiß ich nicht. So jung leichtsinnig war ich damals, so glücklich gesund und zähe waren wir.

Wie oft geschah es, daß einer von einer Welle erwischt und gegen ein eisernes Schott geschleudert wurde. Halb schamhaft lustig erzählte es der Durchnäßte dann im Matrosenlogis. Beulen, Schrammen, Narben hatten wir alle auf unserer krokodilsledernen Haut.

Es trugen sich ernstere Geschichten zu. Vom Sturm gebrochen stürzte eine Raa herab, zersplitterte ein Mast. Die See spülte einen Mann über Bord. Es sprang auch einer ins Meer, der verrückt geworden war oder sich verrückt gesoffen hatte. Ganz abgesehen davon, daß natürlich auch hin und wieder einmal jemand eines natürlichen Todes starb. Das in Liedern so oft besungene Seemannsbegräbnis habe ich nie erlebt.

Das Leben und Hantieren zwischen so viel Maschinen in der Enge auf dem schaukelnden Schiff mußte allerlei Unglücksfälle mit sich bringen. Auf den ganz großen Schnelldampfern und auf den Kriegsschiffen, die viel mehr Menschen tragen und eine viel phantastischere Maschinenverwirrung aufweisen, würde es noch gefährlicher zugehen, wenn dort nicht der Schutz-, Hilfs- und Rettungsdienst sowie das Sanitätswesen entsprechend organisiert wären. Hygienische Räume, modernste Apparate und Medikamente. Ärzte, Assistenten und Sanitätspersonal in einer täglich geübten Disziplin trainiert.

Ich habe 1904/05 als Einjähriger Matrose gedient. Nur selten lag ich damals im Schiffslazarett. Dann auch nur wegen irgendeines geringfügigen Anlasses, etwa einer gequetschten Zehe. Das war damals im Lazarett wie Sommerfrische. Die Drückeberger, die nur aus Arbeitsscheu dort sich krank meldeten, wurden allerdings herzlich rauh untersucht und entlassen.

An Bord der S.M.S. »Nymphe«. Wir sitzen beim Zeugflicken an Deck. Plötzlich Pfeifensignale, Rufsignale: »Klar zum Gefecht.«
Tausend Menschen rennen nicht, nein, sie spritzen durcheinander. Geländer werden abgerissen, alle überflüssigen splittergefährlichen Gegenstände geborgen, Geschütze fertiggemacht -Munition befördert. Tausende Menschen, und jeder hat eine besondere Funktion. In drei Minuten gefechtsklar. Die Schlacht beginnt. »Granaten in Richtung auf das Torpedoboot ...!« Es war nur Übung. Auf einmal springt der Kommandant auf meine Gruppe zu, tippt den Matrosen an und jenen und mich und den. »Ihr seid verwundet!« Sofort werfen wir Angetippten uns aufs Deck und beginnen zu brüllen und zu schreien. Vor Schmerzen. Brüllen und schreien, so laut wir können, mit voller Lust und Hingabe. Nur Übung. Im Nu sind die Sanitäter zur Stelle, werden wir auf Bahren gelegt, in Tragpolster geschnallt, hochgewunden, unter Deck gezaubert, auf saubere Betten oder Operationstische. Das Lazarettpersonal mit bereitgehaltenen Instrumenten lächelt. - Damals nur Übung. - - -

Krank sein auf See.
Heimwehkrank, liebeskrank wurden wir alle gelegentlich. Selten gab es einer zu. Aber wenn ich zur Schlafzeit mit dreiviertelgeschlossenen Augen in meiner Hängematte lag und sah dem Königsberger zu, wie er, auf dem Bauch liegend, so schwierig und schnaufend einen Brief schrieb; oder wenn ich den Stuttgarter Heizer plötzlich tief seufzen und den Seufzer dann männlich verfälschen hörte - dann wußte ich: da bohrte eine Sehnsucht, nur heilbar nach gegebenen Seemeilen und Kilometern.



[Ringelnatz: Kleinere Autobiographische Schriften.
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk, S. 2891 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 5, S. 208 ff)]