In der Kneipe „Zum Südwester“
Sitzt der Bruder mit der Schwester
Hand in Hand.
Zwar der Bruder ist kein Bruder,
Doch die Schwester ist ein Luder,
Und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.

In der Kneipe „Zum Südwester“
Ballt sich manchmal eine Hand,
Knallt ein Möbel an die Wand.

Doch in jener selben Schenke
Schäumt um einfache Getränke
Schwer erkämpftes Seemannsglück.
Die Matrosen kommen, gehen.
Alles lebt vom Wiedersehen.
Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.

Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten
Derer, die dort einmal
Oder keinmal
Abenteuerliche Freude hatten.

Joachim Ringelnatz


Seeräuber und Kameraden,
Wenn meine Augen richtig sind,
Hat die Bark voraus auch Fässer geladen. -
Auf, ihr Hurenboys! An die Brassen!
Royal hoch! Alle Lappen noch härter an den Wind.
Denn die Hunde wittern Blut,
Denn sie segeln gut,
Das muß der Teufel ihnen lassen.

Hei! Holt die hollandsche nieder
Und hißt die Flagge rot - rot - rot!
Und singt recht schweinische Lieder.
Vielleicht ist einer von uns morgen tot.
Denn sie haben eine Kanone an Bord
Und ein halbes Dutzend Soldaten
Mit Blei und mit Dünnschiß geladen.
Wir aber sind kühne Piraten
Und fürchten nicht Tod noch Mord.
Wir sind weder fromm - aber frei.

Was mag in dem Schiffe wohl sonst noch sein?
Kakerlaken oder Seife oder Gold oder Wein? -
Nun signalisieret: »Dreht bei!«
Und ich, euer Captain, rufe: Enterhaken klar!
Und kämmt den Krämern das ölige Haar.
Nur merkt euch: Die Leute alle über dreißig Jahr
Sollen leben bleiben. Leben bleiben -
Nun hofft, wie es kommt, und glaubt, wie es war.
Und fragt nicht, wie lang wir's noch treiben.

Liebe mit mir verfluchte Halunken,
Was soll denn mit den
Unter dreißig geschehn?
Die machen wir mit Braunteer betrunken.
Aber wer uns gefällt,
Weil er's ehrlich mit uns hält,
Dem sei das Leben geschunken.
Den andern aber sagen wir: Amerika ist nah.
Und knüpfen sie sauber an die Obermarsraa.

Old sailors! Likedelers!
Kommt selber und schaut:
Sie haben ein Weibstück an Bord. Unsre Braut,
Sie soll leben! Unsre Braut, sie soll leben!
Und ich werde sie weitergeben,
Bis zuletzt sie der Schiffsjunge nimmt.
Der soll dann mit Eisenstücken
Und Ankerketten sie schmücken
Und sehen, wie weit sie damit schwimmt.



[Ringelnatz: Verstreut Gedrucktes. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk,
S. 1209 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 2, S. 180-181)]


Wie viele Gedanken begleiten,
Erwartend die Schiffe, hin, her, von Land!

Manchmal gleichen auf See die Zeiten
Dachzimmerchen ohne Wand.

Wenn Schiffe verschollen geblieben,
Untergegangen sind,
Fragt niemand mehr: Welcher Wunsch, welcher Wind
Hat das Schiff in die Ferne getrieben?

Was ist's, was die Schiffe meistert,
Durch die Möglichkeiten sie leitet?
Der Mut, der den Weltblick begeistert,
Rauhleben, das Kleinblicke weitet.
Mit Ehrlichkeit durch Gefahr. -

Vielleicht ist das morgen nicht mehr.
Doch Seefahrt, wie vordem sie war,
War wunderbar.
Roch nach Gewürzen und Teer.



[Ringelnatz: Gedichte dreier Jahre. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk,
S. 994 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 2, S. 61-62)]


Wir lassen uns nicht die Straßen versperren.
Die Minensucher fegen die See. -
Hilfsminensucher, von Elbe C.
Bis an Punkt 16 sind wir die Herren.

Nach Innen verkettet, nach Außen geschlossen,
Im Frohsinn begeistert, gestreng im Beruf.
Die Freundschaft in Lee, unser Deutschland in Luv -
So ist uns wieder ein Kriegsjahr verflossen.

Wir scharen uns heute mit hellen Gesichtern
Zu glücklicher Feier um traulichen Baum.
Es strahlt ein deutscher, ein herrlicher Traum
Erfüllungsgewiß aus Herzen und Lichtern.
Das Meer erglänzte hinten und vörn
Und links und rechts und daneben.
Wir saßen von Wogen umbraust auf Schaarhörn
Und knobelten um das Leben.

Herr Staps gedachte der Tücke des Weins
Und flüchtete über die Leiter.
Die Wogen stiegen bis Sektion eins,
Wir aber knobelten weiter.

Es ging um die Ehre, um Cognak und Ruhm,
Es ging um Leben und Sterben.
Da war zum Schluß eine Pulle voll Schum
Im edlen Spiel zu erwerben.

Ich sah sie fallen in meine Hand
Und bin in die Knie gesunken.
Ich habe am nächsten Samstag an Land
Mich kannibalisch betrunken.

Das Gong ertönte bumbum bumbum.
Ich wankte gebrochen zum Kübel.
Mir ward auf einmal - ich weiß nicht warum -
So Mary, Hansi und übel.



[Ringelnatz: Gelegenheitsgedichte. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk, S. 1472 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 2, S. 322)]